Flugblatt zur Demo am 17.11.2009 in Saarbrücken

Schön, dass Du den Arsch hochbekommen hast. Jetzt stehen wir hier und demonstrieren.
Und wogegen eigentlich?
Vermutlich stören Dich Dinge wie:

- die Einführung des Bachelor-/Mastersystems
- zu große Schulklassen / überfüllte Seminare
- undemokratisch bestimmte Lerninhalte
- soziale Auslese schon im Kindergarten
- Studiengebühren

Aber wen und was willst Du erreichen? Und ist es damit getan?
In den vergangenen Monaten, vor allem in der heißen Wahlkampfphase, wurde von unterschiedlichsten Gruppierungen, Einzelpersonen und Bündnissen bereits versucht, den zukünftigen Regierungsparteien Zugeständnisse abzuringen. Wie erfolgreich diese Versuche der Einflussnahme im Saarland waren und sind sei dahin gestellt. Aber angesichts der Polit-Possen der letzten Wochen, die sicherlich einen hohen Unterhaltungswert gehabt haben, stellt sich einmal mehr die Frage, inwiefern ein Versuch parteipolitischer Einflussnahme sinnvoll ist. Der derzeitige Koalitionsvertrag sieht eine komplette Abschaffung der Studiengebühr jedenfalls nicht vor.
In unseren Augen macht es auch keinen großen Unterschied, wer letztendlich in Regierungsverantwortung steht und sich auf „Sachzwänge“ stützt, um Kürzungen jeglicher Form zu rechtfertigen. Denn das Vertrauen auf den Staat als Fürsorger und Garant für Wohlstand, der einem schwere Entscheidungen abnimmt, bedeutet nicht nur Selbstentmündigung und Selbstdisziplinierung, sondern verhindert gleichsam die Emanzipation einer Gesellschaft freier und selbstbestimmter Individuen. Deshalb werden wir keine Lobbyarbeit bei Regierungs- bzw Möchtegernregierungsparteien machen. Dies läuft zwangsläufig darauf hinaus die eigenen Interessen im Ringen um Zugeständnisse gegen andere Interessenverbände durchzusetzen. Wir halten es hingegen für notwendig, eine Kritik an den Verhältnissen, welche die „Sachzwänge“ hervorbringen, zu formulieren. Die moderne Gesellschaft produziert bisher nie dagewesenen Reichtum, dennoch wird ständig suggeriert wir müssten den Gürtel enger schnallen, es gäbe nichts oder nur noch wenig zu verteilen. Wir wollen uns nicht im Hauen und Stechen um die paar Krümel, die vom Tisch fallen, aufreiben. Uns geht es um den ganzen Kuchen, die Bäckerei und das verdammte Rezept!
Für uns ist nicht entscheidend, ob es dem Wirtschaftsstandort Saarbrücken zuträglich ist, wenn hier Studiengebühren kassiert werden oder nicht, sondern wie sich ein freies, für alle zugängliches Bildungssystem fernab von Vermittlung der unkritischen, vorherrschenden Meinungen und der Vorbereitung auf die Verwertung auf dem Arbeitsmarkt etablieren lässt.

Selbstverständlich stehen die eigenen Interessen an einer halbwegs guten Aus-Bildung, um auf dem Markt überleben zu können, dem Ideal einer freien Bildung und Forschung gewissermaßen zwangsläufig entgegen. Dieser Gegensatz ist allerdings kein natürlicher, vielmehr entspringt er der Logik der marktwirtschaftlichen Ökonomie. Zeit ist Geld und deshalb ist es notwendig, die marktreifen Arbeitskräfte in immer schnellerem Tempo und mit möglichst unkritischer Weltanschauung dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Der Blick aufs Ganze darf jedoch nicht verloren gehen. Ein Studium sollte nicht nur danach bewertet werden, ob es vermeintlich die Berufschancen verbessert, sondern auch ein Freiraum zur individuellen Entfaltung der Persönlichkeit sein.

Wir setzen daher auf Autoorganisation und Selbstbestimmung. Wir wollen uns nicht mit der Frage beschäftigen, wie den Sachzwängen innerhalb dieser Verhältnisse besser entsprochen werden kann. Vielmehr stellen wir das gesamte Gesellschaftssystem in Frage, welches diese Zwänge fortwährend reproduziert.

selber lernen, selber denken, selber handeln!
für ein selbstbestimmtes und schönes Leben!