Wohlerzogene Interessen, partikulares Unbehagen

Die Universität ist eine gesellschaftliche Institution, ihre Ausrichtung ist im gesellschaftlichen Zusammenhang zu betrachten. Universitäre Produktivität dient dem Bestehenden und dessen Fortentwicklung, welches als allgemeiner Zwang vom Einzelnen reproduziert wird. Dennoch lässt der universitäre Betrieb verglichen mit anderen gesellschaftlichen Institutionen einen höheren persönlichen Freiraum zu. Dies wird schon daran deutlich, dass, wenn dieser genutzt wird, daraus Vorwürfe abgeleitet werden (z.B. der des Bummelstudenten). Dennoch, „die eigene Distanz vom Betrieb ist ein Luxus, den einzig der Betrieb abwirft. Darum trägt gerade jede Regung des sich Entziehens Züge des Negierten.“1
Die Unzufriedenheit vieler StudentInnen kratzt nicht an den strukturellen Aufgaben der Universität und muss somit hinter einer Kritik an diesen zurück bleiben. Doch da die Unzufriedenheit den Schritt zum Protest ging, ist es wichtig, die Möglichkeit zu jener nicht von vornherein durch die Einpferchung der Diskussion in Katagorien der „Sachzwänge“ auszuschließen. Damit soll nicht behauptet werden, dies sei mehrheitlich bereits geschehen. Vielmehr ist es als prinzipielle Gefahr zu nennen. Dennoch dürfen die diesbezüglichen in manchen Äußerungen kondensierten Internalisierungen einer Kritik nicht äußerlich sein.

„In einem Land ohne nennenswerte Vorkommen an (zukünftig bedeutsamen) Bodenschätzen ist Bildung die wichtigste Ressource, die wir in Deutschland haben.“2 Es gelte, „diese Ressource zu einem sozialen und ökonomischen Standortfaktor auszubauen.“3 Was sind solche Äußerungen anderes, als eine Rede vom Humankapital? Die Sorge um Deutschlands Zukunft wird gerade auch von den Befürwortern der Studiengebühren und des Bachlor-/Mastersystems geteilt, welche gerne als „Bildungsdiebe“4 bezeichnet werden. Zweck und Ziel von Bildung werden aufs Kollektiv, welches sich gern als Volk zusammenrottet, und nicht aufs Individuum bezogen. Alle sitzen im gleichen nationalen Boot. Nur divergieren die Einschätzungen, wie die Besatzung für Manöver in internationalen Gewässern fit zu machen sei. Doch die Sorge ist groß. So wird ein „freier Zugang zur Bildung für uns und die Zukunft unseres Landes“5 gefordert.
Uns ist klar, dass die zitierten Passagen nicht den Standpunkt aller ProtestlerInnen darstellen, die „Ökonomisierung der Bildung“ ist weitestgehend negativ konnotiert. Wobei damit in der Praxis Zugriff und Einflussnahme von außen auf die Universität und nicht das Erlangen von eigenen Wettbewerbs- und Karrierevorteilen gemeint ist. Hierbei handelt es sich allerdings nur um unterschiedliche Ausdrucksformen gleichen Denkens, je nachdem, wo mensch halt im Gefüge verortet ist. Doch erst aus dem Zusammenhang der entgegengesetzten Interessen produziert und reproduziert sich die Allgemeinheit.

Wird bei einer Auseinandersetzung der Blick für´s Ganze verloren, so hilft mensch die Strukturen zu optimieren, unter deren Joch er seinen Unmut aufbläht. Das kann durchaus implizit geschehen und in Widerspruch zu eigenen Absichtserklärungen stehen, wenn zum Beispiel von der „Verbesserung der Lehre“ oder der „Mitbestimmung der Studenten bei der Verwendung von Studiengebühren“ die Rede ist. So können StudentInnen einen Betrag leisten, Entscheidungen, dort wo sie greifen, im doppelten Sinne realisierbar zu machen. Zum Einen ist es effektiver, wenn die Entscheidungen von den durch sie Betroffenen mit getragen werden. Zum Anderen können StudentInnen auf Grund ihrer Betroffenheit ein Feedback geben, welches hilft, Schwierigkeiten auszuräumen. Es stellt keinen Widerspruch zur „Ökonomisierung der Lehre“ dar, wenn StudentInnen in die Diskussion um die Verwendung der Studiengebühren einbezogen werden und auf diesem Weg ein Bedarf entdeckt und gefördert wird. Es wäre auch geradezu dämlich, auf die Vorschläge der StudentInnen zu verzichten, denn wer kann besser beurteilen, wo Hindernisse zum reibungslosen Studium auszuräumen sind?

Wir wollen die diesen Diskussionen vorausgehenden Annahmen betrachten und diese angreifen. Es geht uns darum, die den Verlautbarungen immanenten Widersprüche, wenn zum Beispiel „Weiterbildung, um sich für den Berufseinstieg zu qualifizieren“ als Pendant zum „Wissensdurst“ bruchlos aufgeführt wird6, kenntlich zu machen. Wesentlich dabei sind die inhaltliche Auseinandersetzung und der Versuch der Begriffsbildung. Die Ausgestaltung hängt maßgeblich vom Verständnis von Bildung und deren Institutionalisierungen ab.

Ein weiter Konsens herrscht darüber, dass ein Studium primär die Vermittlung von Kompetenzen darstellt, welche dem Verkauf der Arbeitskraft vorgeblich förderlich sind. Ein Studium wird als erfolgreich bewertet, wenn es, oftmals nur vermeintlich, adäquate Chancen auf dem Arbeitsmarkt bietet. Aus solchen Einschätzungen folgt unabdingbar die „seriöse“ Diskussion, welche einer banalen Standortlogik folgt.
Die nahezu ausschließliche Bewertung der Qualität eines Studiums nach konformistisch erfolgsorientierten Gesichtspunkten, institutionell wie auch persönlich, ist einer reflektiven Auseinandersetzung mit der eigenen Funktionalisierung und einer kritischen Perspektive auf den gesellschaftlichen Zusammenhang entgegengesetzt. Solche Ansätze müssen aber zentrale Bestandteile eines Bildungsbegriffs sein, der sich der Suche nach dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“7 verpflichtet.
Auch herrscht bei weiten Teilen der in Gremien sich mühenden Diskutanten Einvernehmen darüber, dass ein Studium die Inanspruchnahme einer Dienstleistung darstellt; diskutiert wird die Ausgestaltung dessen. Unser Ansatz ist es, Fragen dahingehend aufzuwerfen, was Universität, Studium und Bildung darstellen und darstellen könnten. Damit ist nicht gemeint, dass das Fachliche hinten angestellt zu sein hat. Je intensiver eine Materie behandelt wird, desto schärfer kann die Kritik ausfallen. Vorausgesetzt, sie wird in ihrer gesellschaftlichen Konkretion betrachtet und in Bezug zum Ganzen gestellt. Die durchaus identitätsstiftende fachliche Schmalspur führt hingegen zu blinder Überheblichkeit und zu der Einschätzung, dass gerade das von einem selbst studierte Fach essentiell geeignet sei, die Vorgänge in der Welt zu beschreiben, was einer Fetischisierung der Fachkompetenz entspricht.

Unbestritten sind spürbare Verschärfungen im Studium. Naheliegend ist ein „Protest“ gegen diese mitunter von Befindlichkeiten getragen. Wir wollen jedoch hinterfragen, was die Verschärfungen „notwendig“ macht. Eine solche Perspektive stellt vor Allem eine Absage an den Glauben dar, mit ausgeklügelten Farbspielen in der Parteienlandschaft sei´s getan. Auch wenden wir uns dagegen, ,bloß nicht die Abläufe zu gefährden, der Betrieb müsse in jedem Fall funktionieren´. Bei solcher verinnerlichter Sorge um die Pflicht gegenüber Staat und Volk müssen die Abläufe unhinterfragt bleiben.
Wir wollen nicht als besserer Rohstoff oder als dessen Verwalter „Verantwortung für die Gesellschaft […] übernehmen“8. Es gibt keine freie Bildung in einer unfreien Gesellschaft. Doch solange die freie Gesellschaft freier Individuen nicht in Sicht ist, bedarf es der materiellen wie geistigen Freiräume, um das Bewusstsein darum nicht zu verlieren und das Denken gegen sie zu wenden.

  1. Adorno, Minima Moralia [zurück]
  2. Aufruf zur Demo zum Bildungsstreik vom 17.11.2009 und Redebeitrag auf dieser Demo [zurück]
  3. Aufruf zur Demo zum Bildungsstreik vom 17.11.2009 [zurück]
  4. Beliebter Sprechchor: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut.“ [zurück]
  5. Unter 2 erwähnter Redebeitrag auf der Demo vom 17.11.2009 [zurück]
  6. Stellungnahme des BgS zu künftigen Regelungen für Studiengebühren im Saarland, 3.11.2009 [zurück]
  7. Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ [zurück]
  8. Unter 2 erwähnter Redebeitrag auf der Demo vom 17.11.2009 [zurück]