Arbeit nervt

Den Fuß über die Schwelle des Musiksaals zu setzen, dafür lassen sich viele Gründe finden; Anknüpfungspunkte für einen Protest gibt es wahrlich zu Genüge.
Ernüchternd ist dabei festzustellen, dass ausgerechnet auf dem größten Transparent, welches der Darstellungsform nach durchaus als mottogebend verstanden werden kann, Bildung im Gleichklang mit Arbeit genannt wird.
Transparent im Musiksaal
Es werden Sorge und Angst zum Ausdruck gebracht, der Arbeit stünde eine „schwarze Zukunft“ bevor. Dabei ist schon die Rede von einer „schwarzen Zukunft“ auf Grund des rassistischen Untertons, welcher der Aussage die bedrohliche Färbung verleiht, mindestens fragwürdig. Auch lässt sie sich allzu leicht im Gegensatz zur „weißen Vergangenheit“ verstehen, welche damit positiv besetzt wäre.
Doch symptomatisch erscheint die reflexhafte positive Bezugnahme zur Arbeit, welche als ein quasi-natürlicher Zustand verinnerlicht ist und somit der Auseinandersetzung äußerlich bleibt. Doch gerade in der Arbeit kommt die spezifische Vergesellschaftungsform zum Ausdruck. Unter einem solchen Banner heißt protestieren letztendlich sich bemühen, anerkannterweise seine Arbeitskraft zu Markte zu tragen. In dem Wunsch, durch Protest mit der Attitüde der Selbstbestimmung aus dem Schatten der Angepassten herauszutreten entsteht hierdurch eine Paradoxie. Schließlich sind die Träger der Arbeitskraft beliebig ersetzbar, auf den Einzelnen kommt es als Mensch nicht an. Vernehmbar ist ein Echo des Glücksverprechens der Selbstverwirklichung und im gleichen Atemzug der Drohung der Überflüssigkeit durch die bürgerliche Gesellschaft.

Im Folgenden ist ein Auszug aus dem „Manifest gegen die Arbeit“ der Grippe Krisis aus dem Jahr 1999 abgedruckt, der helfen kann, den Begriff der Arbeit zu hinterfragen.

„Arbeit ist keineswegs identisch damit, daß Menschen die Natur umformen und sich tätig aufeinander beziehen. Solange es Menschen gibt, werden sie Häuser bauen, Kleidung und Nahrung ebenso wie viele andere Dinge herstellen, sie werden Kinder aufziehen, Bücher schreiben, diskutieren, Gärten anlegen, Musik machen und dergleichen mehr. Das ist banal und selbstverständlich. Nicht selbstverständlich aber ist, daß die menschliche Tätigkeit schlechthin, die pure “Verausgabung von Arbeitskraft”, ohne jede Rücksicht auf ihren Inhalt, ganz unabhängig von den Bedürfnissen und vom Willen der Beteiligten, zu einem abstrakten Prinzip erhoben wird, das die sozialen Beziehungen beherrscht.
In den alten Agrargesellschaften gab es alle möglichen Herrschaftsformen und persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse, aber keine Diktatur des Abstraktums Arbeit. Die Tätigkeiten in der Umformung der Natur und in der sozialen Beziehung waren zwar keineswegs selbstbestimmt, aber ebensowenig einer abstrakten “Verausgabung von Arbeitskraft” unterworfen, sondern vielmehr eingebettet in komplexe Regelwerke von religiösen Vorschriften, sozialen und kulturellen Traditionen mit wechselseitigen Verpflichtungen. Jede Tätigkeit hatte ihre besondere Zeit und ihren besonderen Ort; es gab keine abstrakt-allgemeine Tätigkeitsform.
Es war erst das moderne warenproduzierende System mit seinem Selbstzweck der unaufhörlichen Verwandlung von menschlicher Energie in Geld, das eine besondere, aus allen anderen Beziehungen “herausgelöste”, von jedem Inhalt abstrahierende Sphäre der sogenannten Arbeit hervorbrachte – eine Sphäre der unselbständigen, bedingungslosen und beziehungslosen, roboterhaften Tätigkeit, abgetrennt vom übrigen sozialen Zusammenhang und einer abstrakten “betriebswirtschaftlichen” Zweckrationalität jenseits der Bedürfnisse gehorchend. In dieser vom Leben abgetrennten Sphäre hört die Zeit auf, gelebte und erlebte Zeit zu sein; sie wird zum bloßen Rohstoff, der optimal vernutzt werden muß: “Zeit ist Geld”. Jede Sekunde wird verrechnet, jeder Gang zum Klo ist ein Ärgernis, jedes Schwätzchen ein Verbrechen am verselbständigten Produktionszweck. Wo gearbeitet wird, darf nur abstrakte Energie verausgabt werden. Das Leben findet woanders statt – oder auch gar nicht, weil der Zeittakt der Arbeit in alles hineinregiert. Schon die Kinder werden auf die Uhr dressiert, um einmal “leistungsfähig” zu sein. Der Urlaub dient bloß der Wiederherstellung der “Arbeitskraft”. Und selbst beim Essen, beim Feiern und in der Liebe tickt der Sekundenzeiger im Hinterkopf.
In der Sphäre der Arbeit zählt nicht, was getan wird, sondern daß das Tun als solches getan wird, denn die Arbeit ist gerade insofern ein Selbstzweck, als sie die Verwertung des Geldkapitals trägt – die unendliche Vermehrung von Geld um seiner selbst willen. Arbeit ist die Tätigkeitsform dieses absurden Selbstzwecks. Nur deshalb, nicht aus sachlichen Gründen, werden alle Produkte als Waren produziert. Denn allein in dieser Form repräsentieren sie das Abstraktum Geld, dessen Inhalt das Abstraktum Arbeit ist.[…]“

Wenn Arbeit und Bildung gleichermaßen verteidigt werden, geht es um eine profitable Ausbildung der Arbeitskraft. Die positive Rückmeldung der Mitmenschen in Bezug auf erfolgreiche Anpassung lädt ein zu einer auf Funktionalität ausgerichteten Scheinbildung, welche auf das Managen der eigenen Arbeitskraft ausgerichtet ist. Ob nun „eigenverantwortlich“ oder „selbstbestimmt“ genannt, die Fähigkeit sich zu verwerten wird irrationalisiert zur Selbstverwirklichung. Dass diese unmöglich ist, wenn die allumfassenden abstrakten Zwangsstrukturen entweder verleugnet oder in Feindbildern konkretisiert werden, muss abgestritten werden. Um den Zwang unkenntlich zu machen, bedarf es der Scheinbildung, welche als ein ideologischer Klebstoff zusammenhält, was sich gegenseitig ausschließt. Die strukturellen Zumutungen erscheinen in dieser Gewandung als persönliche Bewältigungsprobleme. Gesund ist, wer nichts mehr spürt und dies auch noch euphemistisch begründen kann.
Doch auch allgemein lässt sich vom Begriff der Arbeit ein Bezug zur Bildung herstellen, wenngleich notwendig im Widerspruch zu dieser. Dazu lässt sich im „Manifest gegen die Arbeit“ lesen:

„Nicht nur faktisch, sondern auch begrifflich läßt sich die Identität von Arbeit und Unmündigkeit nachweisen. Noch vor wenigen Jahrhunderten war der Zusammenhang zwischen Arbeit und sozialem Zwang den Menschen durchaus bewußt. In den meisten europäischen Sprachen bezieht sich der Begriff “Arbeit” ursprünglich nur auf die Tätigkeit des unmündigen Menschen, des Abhängigen, des Knechts oder des Sklaven. Im germanischen Sprachraum bezeichnet das Wort die Schufterei eines verwaisten und daher in Leibeigenschaft geratenen Kindes. “Laborare” bedeutete im Lateinischen so viel wie “Schwanken unter einer schweren Last” und meint allgemein gefaßt das Leiden und die Schinderei des Sklaven. Die romanischen Wörter “travail”, “trabajo” etc. leiten sich von dem lateinischen “tripalium” ab, einer Art Joch, das zur Folter und Bestrafung von Sklaven und anderen Unfreien eingesetzt wurde. In der deutschen Redeweise vom “Joch der Arbeit” klingt noch eine Ahnung davon nach.
“Arbeit” ist also auch dem Wortstamm nach kein Synonym für selbstbestimmte menschliche Tätigkeit, sondern verweist auf ein unglückliches soziales Schicksal. Es ist die Tätigkeit derjenigen, die ihre Freiheit verloren haben. Die Ausdehnung der Arbeit auf alle Gesellschaftsmitglieder ist daher nichts als die Verallgemeinerung von knechtischer Abhängigkeit und die moderne Anbetung der Arbeit bloß die quasi-religiöse Überhöhung dieses Zustandes.
Dieser Zusammenhang konnte erfolgreich verdrängt und die soziale Zumutung verinnerlicht werden, weil die Verallgemeinerung der Arbeit mit ihrer “Versachlichung” durch das moderne warenproduzierende System einherging: Die meisten Menschen stehen nicht mehr unter der Knute eines persönlichen Herrn. Die soziale Abhängigkeit ist zu einem abstrakten Systemzusammenhang geworden – und gerade dadurch total. Sie ist überall spürbar und gerade deshalb kaum zu fassen. Wo jeder zum Knecht geworden ist, ist jeder auch gleichzeitig Herr – als sein eigener Sklavenhändler und Aufseher. […]“

Und nicht zuletzt ist jeder auch sein eigener Animateur. Ebenso wie Probleme in die Sphäre des Privaten gedrängt werden, dient die „Freizeit“ der Reproduktion der Arbeitskraft. Es gilt sich so einzurichten, dass man gut gelaunt und frisch und munter zur Arbeit antritt und dieser entsprechend nachgeht. Nicht nur, dass „Freizeit“ ein Teil des Arbeitslebens ist, ihre Ausgestaltung unterliegt der Arbeit als Richtgröße. „Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus. […] Dem Arbeitsvorgang in Fabrik und Büro ist auszuweichen nur in der Angleichung an ihn in der Muße. Daran krankt unheilbar alles Amusement. Das Vergnügen erstarrt zur Langeweile, weil es, um Vergnügen zu bleiben, nicht wieder Anstrengung kosten soll und daher streng in den ausgefahrenen Assoziationsgeleisen sich bewegt. Der Zuschauer soll keiner eigenen Gedanken bedürfen: das Produkt zeichnet jede Reaktion vor.“ (Adorno, Horkheimer: Dialektik der Aufklärung)
Aber selbst die Reste des verstümmelten Strebens nach Freude sind nicht frei von schlechtem Gewissen: wie leicht geht die Erklärung über die Lippen, sich nur erholen zu müssen oder es seiner Gesundheit schuldig zu sein, wenn Mitmenschen ein Nichttätigsein anmahnen. Der Rechtfertigungszwang für´s „Nichtstun“ ist so allgegenwärtig wie der, arbeitsam oder zumindest arbeitswillig zu sein. Mit Anerkennung wird belohnt, wer sich selbst diszipliniert und dies von anderen einfordert und gleichzeitig seine psychischen Probleme für sich behält; Demütigungen und Kränkungen durch die Arbeit sind im Privaten zu kurieren. Genuss, Kontemplation, Müßiggang und Muße ziehen hingegen Missgunst auf sich, da sie als unterdrücktes Verlangen bekämpft werden müssen. So wird wiederkehrend zum Hassobjekt, wer angeblich glücklich lebt ohne zu arbeiten.

Um noch einmal zurück zum Ausgangspunkt, dem Transparent im Musiksaal zurückzukehren, sei dem Anspruch Ausdruck verliehen, dass wer Parolen verfasst sich zu fragen hat, welche Geister mit diesen gerufen werden. Die Anbiederung ans Bestehende untergräbt jegliche Möglichkeit, aus der Reihe zu tanzen und ein Denken, welches sich seiner allumfassenden Unterdrückung bewusst ist zu entwickeln. Zwar geht aus dem Benennen von Zwängen und deren Strukturen mitnichten kausal deren Überwindung hervor. Doch bleibt es unabdingbar Voraussetzung für diese.
Für interessante und durchaus unterhaltsame Momente mit dem Begriff Arbeit sei noch auf die Seite www.otium-bremen.de verwiesen. Die Seite enthält unter Anderem eine nette Sammlung von „Gedichten, Texten und Zitaten zur Arbeitsmoral“.


1 Antwort auf „Arbeit nervt“


  1. 1 Flug 08. Januar 2010 um 17:01 Uhr

    „Schließlich sind die Träger der Arbeitskraft beliebig ersetzbar, auf den Einzelnen kommt es als Mensch nicht an. Vernehmbar ist ein Echo des Glücksverprechens der Selbstverwirklichung und im gleichen Atemzug der Drohung der Überflüssigkeit durch die bürgerliche Gesellschaft.“

    Marx/Engels haben sich eingehend mit solch einer Thematik beschäftigt. Die „Ersatzarmee“ kommt dem Kapitalismus zugute, die Menschen jedoch werden ein/ausgegrenzt.
    Wenn es in einer Zeit der Egozentrik und des Materiellen um Gewissensfragen geht werden viele große Namen sehr schnell ganz kleinlaut.
    Die Realität ist dabei, die Farben Schwarz und Weiss anzunehmen und die breite Masse verliert für „wirkliche“ Probleme die richtige Sichtweise. Tag für Tag werden wir quasi „Desensibilisiert“ und hoffen auf eine baldige Besserung.
    Heilung, Hoffnung, Glaube – Alles große Worte die jedoch „hohl klingen“, wenn man sie auf die heutige Situation bezieht.

    Mfg

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